Das kurländische Herrenhaus Schleck (heute Zlēkas in Lettland)

Institut für Kirchenmusik und Musikwissenschaft
PD Dr. Ulrike Gawlik (KIT Karlsruhe)

Öffentlicher Vortrag
(im Rahmen des Seminars zur „Musica Baltica“)
Donnerstag, 9. Juli 2026
12.15 bis 13:45 Uhr
Seminarraum, Bahnhofstr. 51 IFZO (1. Stock)

 

Das Herrenhaus Schleck in der historischen Landschaft Kurland des heutigen Lettlands wurde zwischen 1710 und 1717 durch Ulrich v. Behr (1669-1749) erbaut. Heute sind Herrenhaus und Gut eine Ruine. Nach Aussagen des lettischen Kunst- und Bauhistorikers Imants Lancmanis „lebt [Schleck jedoch] immer noch weiter als ein Begriff, als ein großer und gewichtiger Meilenstein in der Geschichte der kurländischen Architektur.“ Aber nicht nur seine verloren gegangene barocke Architektur zeichnete das Gut aus. Es scheint zudem ein fruchtbarer Ort für musikalisches Schaffen gewesen zu sein. 


1749 erbt Ulrich Georg(e) v. Behr (1745-1813) Gut und Besitz. Er ist ab 1774 mit Benigna Amalie Luise v. Behr (1758-1813) geb. v. Nolde verheiratet und gilt als kunstsinnig sowie musikalisch begabt. Er leitet eine Theatergruppe und steht mit Friedemann Bach (1710-1784) im Austausch. Sein Großneffe Karl Baron v. Behr (1810-1872) lässt auf Schleck im 19. Jahrhundert ein zweistöckiges Gebäude für Aufführungen sowie Konzerte errichten. Dieses Theater soll während der Sommermonate regelmäßig bespielt worden sein - eine Schauspielergruppe bestand aus Angestellten des Gutes - und Ensembles der größeren Städte Kur- und Livlands wurden als Gäste empfangen. Da die überaus waldreiche und zugleich von den Wiesen des Flusses Windau geprägte Landschaft besonders schön gewesen sein muss, diente sie Ulrich von Schlippenbach (1774-1826), einem kurländischen Nachbarn, Liedersammler und Autor der Romantik, als Sujet für sein 1809 veröffentlichtes Buch„Malerische Wanderungen durch Kurland“.


Zum Gut gehörte ein Pastorat an dem Johann Georg Büttner (1779-1862) tätig war. Erich von Schrenck zeichnet 1933 in seiner „Baltischen Kirchengeschichte der Neuzeit“ Leben und Werk des in Halle studierten und wohl pietistischen Pastors während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach. Bereits seine Tochter Lizete Harmsena beschrieb 1913 in „Ein altes kurländisches Pastorat“ Haus und Garten des Vaters und veröffentlicht einige der von ihm gesammelten lettischen Volkslieder. Büttner fühlte sich der Aufklärung und der Nachfolge Herders verpflichtet und gab 1844 ein Buch mit über 2800 lettischen Volksliedern heraus. Als Seelsorger arbeitete er mit der Organistenfamilie Köhler zusammen. Während seiner langen Zeit als Pastor Schlecks erlebte er Christoph (tätig 1747-1790), Dietrich Gustav (tätig 1790-1828) und Alexander Köhler (tätig 1828-1843) als Kirchenmusiker.


Für den Ausgang des 19. Jahrhunderts listet Klaus-Peter Koch in seinem 1996 erschienenen Aufsatz „Musikkultur auf Herrenhäusern im Ostseeraum – eine Übersicht“ zudem die auf Schleck geborene Schriftstellerin und Musikpädagogin Mia Munier-Wroblewski (1882-1965) auf.

PD Dr.-Ing. Ulrike Gawlik ist Architektur- und Landschaftshistorikerin. Zwischen 2021 und 2025 arbeitete sie am „Herrenhauszentrum des Ostseeraums“ des Caspar-David-Friedrich-Instituts für Kunstgeschichte der Universität Greifswald und beschäftigte sich mit Herrenhäusern dieser Kulturlandschaft während des 18. Jahrhunderts. Als begeisterte Chorsängerin des Figuralchors der St.-Johannis-Kirche in Rostock war sie erfreut, während ihrer wissenschaftlichen Beschäftigung mit Schleck/Zlēkas, auf musikhistorische Spuren gestoßen zu sein. In ihrem Vortrag möchte sie die räumliche Aufführungssituation auf einem historischen Gut im heutigen Baltikum nachzeichnen und der kulturellen Atmosphäre zu Anfang des 19. Jahrhunderts nachspüren, in der Deutsche sich musikalisch aber auch sprachlich mit ihrer Kultur im Zusammenleben mit den Letten auseinander setzten.

Abb.: Herrenhaus Schleck in Kurland, in: Pirang, Heinz: Das baltische Herrenhaus, I. Teil: Die älteste Zeit bis um 1750, Baltische Baudenkmäler herausgegeben von der Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde zu Riga, Riga 1926, Tafel 26 oben.
Der Theaterbau des 19. Jahrhunderts ist links neben dem Herrenhaus zu erkennen. 

 

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